Impressionen aus Indien

„Ah der Weltenbummler ist wieder zuhause. Na , wie war’s?“ – So oder ähnlich bin ich nach meiner Reise häufiger begrüsst worden. „Gemischt! Nepal super schön, Indien war gut einmal zu erleben, mehr nicht“! – so meist meine Antwort.

An sich wollte ich einen Reisebericht verfassen, doch erstens hat René, einer meiner beiden Mitreisenden bereits seine durchwegs positiven (!) Eindrücke auf  http://lifestyle.rtl.lu/reesen/suedamerika/  veröffentlicht und zweitens habe ich keine Lust einen ellenlangen Bericht von einer Reise zu schreiben die zwar sehr interessant, aber für mein Empfinden definitiv nicht schön war (das gilt nur für den Indienteil der Reise). Stattdessen habe ich mich dazu entschlossen  darüber zu schreiben was den Indienreisenden, abgesehen von den Sehenswürdigkeiten und den Begegnungen vor Ort erwartet. Das erscheint deshalb sinnvoll zu sein weil viele Reiseberichte, ob persönlich oder kommerziell nicht unbedingt objektiv sind und ein falscher Eindruck entstehen könnte.

Mit den gezeigten Fotos  ist es das gleiche. Typischer Fall: man ist tagsüber unterwegs, das Licht ist wie so oft diesig, der See, die alte Festung, sie wirken flau und konturlos.  Und dennoch, ein paar gekonnte Aktionen im Bildbearbeitungsprogramm und schon hat man aus dem, der Realität entsprechenden faden Foto ein Postkartenmotiv gezaubert.

Deshalb, glaube nur das was Du selbst gesehen und erlebt hast, egal ob Reisebericht im  Internet oder im Hochglanzmagazin.

Indien – meine Eindrücke und die Fakten!

Der erste intensive Kontakt mit Indien beginnt am Ausgang des Flughafengebäudes. SMOG, laut Definition erhöhte Luftschadstoffemissionen in gesundheitsschädlichen und sichtbeeinträchtigenden Konzentrationen, kriecht dem Reisenden merklich in die Nase.

Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden dass der stark russgeschwängerte Smog über der Gangesebene häufig zum indischen Ozean getragen wird und dort die Luft zwischen einem und drei Kilometer Höhe um 50 Prozent mehr erwährmt  als bei klarem Himmel. Eine Simulation am Computer errechnete dass hierdurch die   Erwärmung der höher gelegenen Luftschichten genauso stark ist wie durch die Treibhausgase. (Quelle: Berliner Zeitung 02.08.2007)

Bei mir persönlich hatte das zur Konsequenz dass meine Schleimhaut die ersten 6, 7 Tage ständig gereizt war. Wenn man abends ins Hotel zurück kehrt und an den Kleidern schnuppert, dann merkt man wie stark alles nach Abgasen und nach verbranntem (Plastik-)Müll riecht.

Auf den Strassen Indiens kommt es häufig vor dass man auf eine LKW-Kolonne aufläuft. Ist man wie wir mit dem Motorrad unterwegs, dann kann man nicht einfach mal auf Umluft schalten. Das wäre aber nötig weil die meist uralten Lastkraftwagen beissend schwarze Russwolken auspusten. Hat man Glück dann kann man die luftverpestenden Dinosaurier gleich überholen. Also vorher noch tief Luft holen und durch! Hat man kein Glück ….. 😦 !

Als wir Indien nach gut 3 Wochen den Rücken kehrten um nach Nepal einzureisen waren unsere Motorradkleider, die Rucksäcke und alles andere Gepäck von einem eklig schmierigen Belag aus Staub und Abgasen überzogen. Die Wäscherei in Pokhara hatte einen Grossauftrag.

Unsere Strecke führte uns von Dehli aus südwestlich nach Rajasthan, dann nach Agra zum Taj Mahal,  südlich von Dehli gelegen. Von da aus  fuhren wir 800 km weiter östlich nach Varanasi zum heiligen Fluss Ganges. Ab Varanasi lenkten wir unsere Maschinen Richtung Norden nach Nepal. Die Landschaft in dem von uns bereisten Teil Indiens ist bis auf Pushkar, das am Rande der Wüste Thar in Rajasthan liegt, flach und langweilig. Mehr oder minder staubige Strassen führen durch staubige, meist schmutzige Dörfer die alsdann wieder staubigen Feldern Platz machen. Alles Grün ist eingestaubt. Alle Häuser und alle anderen Bauten sind eingestaubt. So präsentiert sich das Land braun in braun und schaut zumindest in meinen Augen   trostlos aus. Wie gut dass die Menschen farbig gekleidet sind und trotz aller Armut und aller Entbehrung Lebenswillen ausstrahlen.

Dreck findet sich zuhauf. Achtlos werfen die Leute ihren Müll auf die Strasse oder wo immer sie sich befinden. In manchen Dörfern  ist es einigermassen sauber, in anderen Dörfern meint man geradewegs durch eine Müllhalde zu fahren. Abends wenn der Dreck vom ganzen Tag herumliegt sieht man überall Menschen die etwas Müll (viel Plastik)  zusammengekehrt und angezündet haben um sich zu erwärmen. Immerhin wird an einigen Stellen  frühmorgens der Dreck zusammengerafft und in der Nähe auf einen Platz oder an den Strassenrand gekippt. Eine Fundgrube für Vögel, Hunde, Ziegen und Obdachlose. Zum allgegenwärtigen Gestank von (brennendem) Müll und Abgasen gesellt sich dann noch an vielen Stellen ein beissender Uringeruch. Du bist in Indien!

1,2 Milliarden Inder werden heute gezählt. Wenn mann davon absieht dass der Inder keinen Sinn für Hygiene hat, so ist er doch meistens super freundlich und sympatisch. Leider gibt es auch in 2011 noch mehr als 20% der Einwohner die mit weniger als 1 Dollar pro Tag auskommen müssen und noch immer gibt es rund 35 % Analphabeten. Das merkt man jeden Tag im Umgang mit den Menschen. Organisation und logisches Denken sind Fremdwörter für die meisten Inder.

Nehmen wir eine ganz normale Bestellung in einem Restaurant für 3 Personen. 2 verschiedene Vorspeisen, Cola ohne Eis und die Menüs. Sogar wenn die Bedienung  alles aufgeschrieben und wiederholt hat, so wird doch 3 mal die gleiche Vorspeise serviert. Die eine Richtige ist nur lauwarm und geht wie die beiden anderen zurück. Selbige  wird 3 Minuten später heiss serviert , die anderen beiden dauern lääänger und werden dann zusammen mit zwei Menüs serviert. Derjenige der als erster die Vorspeise essen durfte bekommt sein Menü als Letzter. Die Cola wird erst vergessen und dann mit Eis serviert. Wieder reklamieren …..

Beispiel zwei zeigt dass diese Unfähigkeit in den grossen Betrieben genau gleich ist. In Varanasi war einer unserer Motoren kaputt und konnte vor Ort nicht repariert werden. Der Vermieter der Töffs hat darauf hin ein Ersatzmotorrad und einen Mechaniker zu uns geschickt. An sich ein grandioser Service, doch leider kam es wieder einmal gaaaanz anders. Der Mechaniker kam am nächsten Morgen an und berichtete uns das Ersatzmotorrad würde gegen Mittag mit einem anderen Zug ankommen. Freude!!!! Dann wurden wir Stunde um Stunde vertröstet weil der Zug mit dem Motorrad Verspätung hatte. Am nächsten Tag dann die Nachricht, der Zug sei weitergefahren ohne das Motorrad abzuladen. Grund: Wegen der Verspätung hat der Lokführer nur kurz gehalten, so dass für das Entladen von Gütern keine Zeit blieb. Sogar einige Passagiere konnten nicht rechtzeitig aussteigen. Tags darauf sollte am späten Abend das Motorrad wieder in Varanasi eintreffen, doch diesmal wurde der Wagon mit dem Motorrad nicht angehängt. Plan B wurde ausgeheckt. Der Vermieter entsann seinen Mechaniker nach Lucknow, etwa 200 Kilometer von Varanasi entfernt, um dort ein Reservemotorrad abzuholen, das eigentlich für eine organisierte Motorradreisegruppe gedacht war. Uns sollte es recht sein. Nach 5 Tagen Warten konnten wir endlich wieder aufbrechen.

Zwischendurch, als der Mechaniker nach Lucknow fuhr, sind wir zwei mal beim Bahnhofsmanager vorstellig geworden. Uns wurde beide Male die Auskunft erteilt das verschollene Motorrad käme am nächsten Abend gegen Mitternacht – vielleicht! – Und auf welchem Bahnsteig? So unsere Frage. Auf Gleis Eins, vielleicht auch auf Zwei oder Drei ……! Anmerken möchte ich noch dass die Indische Bahn, zumindest was wir gesehen haben, ohne Computer auskommt! Die Büros sind sicher noch genau so wie in den 30er Jahren. Viele Auftragsbücher und auch viele lose Dokumente stapeln sich in den Regalen und auf den Schreibtischen! So funktioniert Indien!

Die Neugier der Menschen ist riesengross wenn man auf dem Lande mit den Motorrädern Halt macht, sei es um etwas zu trinken oder wieder einmal an den Motorrädern zu schrauben. Bei solchen Stopps bildet sich schnell eine Menschentraube. Stets sind die Kinder an vorderster Stelle, egal ob man 10 Minuten oder 2 Stunden steht, sie weichen nicht mehr von der Stelle. Irgendwann wenn alle Fragen nach dem woher, wie man heisst, ob man Kinder und Ehefrau hat usw. beantwortet sind werden die Kleinen zudringlicher und fassen alles an, drücken an Knöpfen und Schaltern. Aber auch die Kleider aus dem fremden Material werden wieder und wieder begrapscht.Zwischendurch bettelt jemand um 10 Rupien, einen Kuli, einen Keks oder vielleicht doch 10 Rupien. Holt man etwas aus  dem Tankrucksack, dann versuchen mindestens acht Köpfe bis in den hintersten Winkel hinein zu blicken.

Bettler! Wenn man weiss dass in Indien weit über 200 Millionen Menschen mit weniger als 1 Dollar pro Tag auskommen müssen, dann kann an sich vorstellen dass man häufig mit Bettlern oder mit bettelnden Kindern konfrontiert wird. Viele dieser Menschen sind zusätzlich behindert und/oder haben Hautkrankheiten und offene Wunden auf denen Mücken sitzen. Soviel Armut anzusehen ist nicht schön!

Ein paar Worte zur Religion. Ueberaus beeindruckend ist die Religiosität der Menschen. Nicht nur dass überall grosse und kleine Tempel oder Schreine aller Art zu finden sind, die Menschen leben Ihre Religiosität auch wirklich aus. Man sieht dauernd Menschen die beim Vorbeigehen oder sogar als Passagiere, in einem an einem Tempel vorbeifahrenden Bus, die Hände kurz falten und in Gedanken ein Gebet sprechen. Es gibt kaum ein Auto auf dessen Armaturenbrett nicht mindestens eine Götterfigur angebracht ist. An Fahrrädern , Rikschas und anderen Gefährten werden Götter und göttliche Symbole aufgemalt oder aufgeklebt. Als wir unsere Motorräder beim Vermieter abholten ging das nicht ohne vorher gemeinsam zu beten. Religion gibt den Indern die nötige Kraft um das Leben zu meistern, wie schwer auch immer es sein mag.

Essen in Indien ist sehr lecker und in den Städten auch abwechslungsreich. Vegetarische Kost wird überall angeboten, in manchen Regionen fast ausschliesslich. Leider kann man keine von den lecker ausschauenden Salaten essen ohne dass man Durchfall  bekommt. Wie überall in den armen Ländern gilt auch hier koch es, schäl es oder vergiss es!

Um den Verkehr in Indien zu beschreiben gibt es nur ein Wort: unberechenbar!!!!! Es gibt vier grundsätzliche Verkehrsregeln: Linksverkehr, Ampelanlage, das Recht des Stärkeren und brich die Regel. In Indien ist es normal dass Autos, LKW’s, Busse, Tiergespanne, Rikschas, Tuk Tuk’s (die dreirädrigen Taxis), Tiere aller Art, also Hunde, Kühe, Affen, Ziegen, Kamele ….. entgegenkommen (mal links, mal rechts) oder vor Dir abrupt bremsen oder unvermittelt wenden oder die Strasse überqueren oder einfach in der Fahrspur stehen – nachts unbeleuchtet – oder aus einer Seitenstrasse in Deine Fahrspur hineinschiessen oder dass Busse unvermittelt von der Überholspur nach links an den Fahrbahnrand ziehen um Fahrgäste aufzunehmen oder ….. Dies gilt auf Autobahnen übrigens genauso wie auf Landstrassen. Absolute Weltmeister sind die Inder beim Hupen, oder besser gesagt beim Dauerhupen. In den überfüllten Städten vergeht keine Sekunde ohne Huperei. Der Straßenbelag variiert von recht gut auf den neuen Autobahnen (nicht zu vergleichen mit den unseren da sie quer durch die Dörfer führen ohne irgendwelche Abgrenzungen!) bis nicht vorhanden. Man muss mit allem jederzeit rechnen. Schlaglöcher sind meist Durchschlaglöcher und Bodenwellen können Dich aus der Bahn werfen. Am gemeinsten sind die so genannten Autobahnen auf denen urplötzlich mal ein paar Meter Asphalt fehlen können. Im Indischen Verkehr wird Dir keine Sekunde geschenkt!!

Indien hat viele wirklich schöne Sehenswürdigkeiten und es ist sehr interessant einen Einblick in das Leben der Menschen zu erhaschen, doch der Preis dafür ist hoch. Allein durch Bürokratie und Reparaturen an den Motorrädern sind bei unserer Reise mindestens 8 Tage verloren gegangen. Mit Durchfall muss trotz grosser Vorsicht gerechnet werden. Da reagiert jeder Körper anders. Mich hat es zwischenzeitlich immer wieder lahmgelegt, trotz aller Vorsichtsmassnahmen. Weitere Tage vom wertvollen  Urlaub die man streichen muss.

Es gibt den Spruch – Indien liebt man oder man hasst es!

Hassen ist wohl überzogen. Mich persönlich stört am meisten dass es ausser dem Leben der Menschen (das doch immer gleich ist egal wo man hinkommt) und den weit voneinander entfernten Sehenswürdigkeiten nicht viel zu sehen gibt. Die Landschaft durch die man Stunde um Stunde fährt ist wie beschrieben in der von uns bereisten Region flach und äusserst langweilig. Dann die vielen verlorenen Tage durch das indische System und durch Krankheit. Das geht auch anders. Z.B. in Nepal ! Genauso arm, aber sehr viel sauberer, super geniale Landschaften, keine Menschenaufläufe beim Platten flicken, schöne kurvige Motorradstrecken. Alles sehr relaxt, wenn man vom Verkehr in Kathmandu mal absieht! Da macht das Reisen Spass. Da gehe ich gerne wieder hin.

Meine Fotos von der Reise werde ich nach und nach auf meiner flickr Seite hochladen.

Zum Abschluss gibt es ein paar links die meine Eindrücke bestätigen:

http://www.focus.de/reisen/reisefuehrer/asien/tid-10638/kulturschock-lebensgefahr-im-strassenverkehr_aid_310257.html

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,493651,00.html

http://www.handelsblatt.com/lifestyle/reise/atemlos-in-delhi/5967610.html?p5967610=all

http://www.dahw.de/hilfsprojekte/reportagen/die-kinder-vom-muellberg-in-indien-brauchen-hilfe

Beispiel:    http://www.youtube.com/watch?v=28BRRrPxBgQ

Beste Grüsse,
Gilles

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